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Über planetare Krisen berichten

Muss Journalismus nicht neutral sein?

Journalistische Neutralität ist ein Ideal, das häufig angestrebt, aber selten erreicht wird. Dennoch sind vor allem Klimajournalist:innen immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, nicht neutral, gar „aktivistisch“ zu sein. Die Forderung, immer gleichberechtigt „beide Seiten“ zu Wort kommen zu lassen, führt aber in diesem Fall unweigerlich zu False Balance: Bei Leser:innen entsteht so der Eindruck, es gebe in der Wissenschaft noch große Zweifel am Klimawandel. Nichts könnte falscher sein: Die globale Erhitzung ist durch zehntausende Studien inzwischen eindeutig belegt. Seriöse Forscher:innen sind sich einig: Die Klimakrise bedroht unsere Gesundheit, unsere Demokratie, unsere Lebensgrundlagen – und das nicht in ferner Zukunft, sondern bereits jetzt.

Die Bundesrepublik hat sich mit dem Pariser Klimaabkommen im Jahr 2015 dazu verpflichtet, den Anstieg der weltweiten Temperatur auf deutlich unter 2 Grad, idealerweise 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Der Trend deutet aktuelle aber eher auf ein 3-Grad-Szenario: Der UNEP (2024): Emissions Gap Report 2024. Emissions Gap Report 2024 des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) zeigt auf, dass die Welt derzeit auf eine Erwärmung von 2,6 – 3,1 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zusteuert. Um die Ziele aus Pariser Abkommen zu erreichen, müssten die Treibhausgase sehr viel stärker fallen. Der Bericht zeigt auch auf, welche Methoden dabei mehr Risiken oder Potenziale bieten – von naturbasierten Lösungen, dem Auffangen von Treibhausgasen bis zur Speicherung von CO2. Die Einhaltung dieses völkerrechtlich bindenden Vertrags zu überwachen, Fake News zu entzaubern und politische Fehlentscheidungen anzuprangern, ist die Aufgabe der Vierten Gewalt. Über das Klima zu berichten ist kein Aktivismus, sondern journalistische Pflicht.

Wieso beschäftigen sich die Medien erst seit so kurzer Zeit mit dem Thema?

Die Förderung, der Verkauf und das Verbrennen fossiler Brennstoffe und damit verbundener Branchen (beispielsweise die Automobilindustrie) sind ein Milliardengeschäft. Fossilunternehmen wussten durch die Forschung konzerninterner Wissenschaftler teilweise bereits seit den 1970er Jahren von den Gefahren eines ungebremsten Klimawandels, Biodiversitätsverlust und Umweltzerstörung für die Menschheit. Sie entschieden sich nicht nur, die Ergebnisse geheim zu halten, sondern durch gezielte Desinformationskampagnen Zweifel an der Klimawissenschaft zu säen.

Was wie ein Verschwörungsmythos klingt, ist leider inzwischen vielfach belegt. Bereits 2015 enthüllten Journalist:innen die Machenschaften des Ölriesen Exxon durch Auswertung interner Dokumente. Die Recherche, die zuerst bei „Inside Climate News“ erschien, wurde für den Pulitzer-Preis nominiert. Unternehmen wie Shell, BP und Total gingen ähnlich vor. Auch in Deutschland blockiert die „Klimaschmutzlobby“ seit Langem wichtige Maßnahmen gegen die Klimakrise. Die Verbindungen reichen dabei teils bis zu amerikanischen Thinktanks, die mit dem Leugnen des Klimawandels ihr Geschäftsmodell bewahren wollen.

Jahrzehntelang täuschten diese Unternehmen die Öffentlichkeit – und auch die Medien. Das änderte sich erst durch Protestbewegungen wie „Fridays for Future“, die wiederum viele Klimawissenschaftler:innen ermutigten, sich gegen die Diffamierungsversuche durch Fossilkonzerne aufzulehnen. Der Klimawandel ist nicht „plötzlich zum Thema geworden“, sondern erhält endlich ansatzweise die Aufmerksamkeit, die sie verdient.

Berichten die Medien nicht schon genug über die Klimakrise?

In den vergangenen Jahren wurde die Berichterstattung über die Klimakrise deutlich ausgebaut: Die taz startete das „Klima-Hub“, der Spiegel richtete eine eigene Rubrik zur Klimakrise ein, es entstanden Podcasts, Instagram-Kanäle und andere Formate. Auch lokale Tageszeitungen greifen das Thema immer mehr auf. Ausgerechnet im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk ist die Berichterstattung aber weiterhin ausbaufähig, wie Tschötschel et al. (2022): Inhaltsanalyse der „Tagesschau“ und des Gesamtprogramms von Das Erste, ZDF und WDR 2007 bis 2022. Der Klimawandel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.eine Untersuchung ergab.

Häufig ist die mediale Aufmerksamkeit (zu) anlassbezogen: Im Sommer, wenn Hitze und Dürre herrschen, oder nach Katastrophen wie der Ahrtal-Flut werden in schneller Folge zahlreiche Artikel veröffentlicht, sobald die Temperaturen aber wieder fallen, geht die Klimakrise im normalen Tagesgeschäft unter. Nötig wäre eine regelmäßige Berichterstattung, die alle Aspekte des Themas beleuchtet. Ansatzpunkte dafür gibt es genug.

Die Klimakrise ist ein globales Thema. Wieso braucht es lokalen Klimajournalismus?

Die großen Weichen werden zwar in Berlin, Brüssel und auf der Weltklimakonferenz gestellt, doch die Umsetzung liegt in Deutschland in den Händen der Bundesländer, Landkreise oder Kommunen. Leser:innen interessieren sich für die Auswirkungen des Klimawandels vor Ort und haben ein Recht darauf zu erfahren, welche Maßnahmen die Lokalpolitik dagegen ergreift. Gerade lokale Tageszeitungen werden häufig von älteren Menschen gelesen, die von den gesundheitlichen Folgen besonders betroffen sind. Es ist Aufgabe des Lokaljournalismus, die Bevölkerung darüber zu informieren, zu warnen und zu schützen. Dasselbe gilt auch für Themen rund um die Biodiversitätskrise, die mit der Klimakrise zusammen massive Auswirkungen auf unsere Ernährungssicherheit und unsere Gesundheit hat. Hier sind es gerade Entscheidungen auf lokaler Ebene, die kritisch hinterfragt und eingeordnet werden müssen, um die Rezipient:innen vor Ort entscheidungsfähig und handlungsfähig zu machen. Der Bezug zur Heimat, die Angst vor Verlusten in der regionalen Biodiversität sind starke Motivatoren für Menschen, sich für eine klimafreundliche, gesunde und artenreiche Umwelt einzusetzen.

Wollen die Leute das überhaupt lesen?

Während der beitragsfinanzierte Öffentlich-Rechtliche Rundfunk einen Bildungsauftrag hat, der auf Klickzahlen keine Rücksicht nehmen muss, unterliegen Tageszeitungen wirtschaftlichen Zwängen. Lange Zeit galt in vielen Medienhäusern das geflügelte Wort: „Klima klickt nicht“. Dass dies nicht stimmt, Das Thema unserer Zeit: Wie die Neue Osnabrücker Zeitung mit Klima neue Zielgruppen erreicht. In: Drehscheibe – aus Lokalredaktionen für Lokalredaktionen: Klima und Katastrophe.bewies unter anderem das Klima-Projekt des HHLabs (Unternehmensgruppe NOZ Medien) aus dem Jahr 2021. Das Ergebnis: Mit guter und regelmäßiger Klimaberichterstattung konnten rund 30 Prozent mehr Leser:innen erreicht und neue Zielgruppen erschlossen werden.

Klima ist zudem kein Thema, das allein betrachtet werden sollte, sondern eine Dimension, die nicht auf ein Ressort beschränkt ist: Die Klimakrise berührt Fragen der Gesundheit, der Verkehrs- und Stadtplanung, Infrastruktur, Ernährung, Wirtschaft, Politik und vieles mehr – alles klassische Themen, die gelesen werden.

Die Umweltbundesamt (2023): Umweltbewusstsein in Deutschland 2022.Umweltbewusstseinsstudie des Umweltbundesamtes zeigt, dass in Deutschland ein starkes Interesse am Umwelt- und Klimaschutz besteht, insbesondere in Bezug auf die Gesundheit. Im Jahr 2022 betrachten die Deutschen den Klimawandel und Umweltschutz als das fünftwichtigste politische Anliegen, nach Gesundheitssystem, Bildung, sozialer Gerechtigkeit und Sicherheitspolitik. Die Auswirkungen der Klimakrise, wie Dürre, Hitze, Starkregen und Sturzfluten, werden von der Mehrheit der Deutschen wahrgenommen. Gleichzeitig wächst die Besorgnis über die gesundheitlichen Folgen der Klimakrise. Im Vergleich zu 2016 stieg der Anteil derjenigen, die den Klimawandel als gesundheitsschädlich empfinden, im Jahr 2022 von 59 % auf 73 %. Besonders das Gesundheitssystem und die Pflege werden als sehr anfällig für diese Auswirkungen angesehen. Die Studie widerlegt zudem die Annahme, dass die Ansichten zwischen älteren und jüngeren Generationen stark differieren. Sowohl die Altersgruppen 14-29 als auch ab 65 Jahren messen Umweltthemen große Bedeutung bei.

Eine malisa Stiftung (2023): Klimawandel und Biodiversität: Was zeigt das Fernsehen – Was wollen die Zuschauerinnen?Untersuchung zur Präsenz von Klimakrise und Biodiversitätsverlust aus dem Jahr 2023 die von der MaLisa Stiftung, ARD, ZDF, ProSiebenSat.1 und RTL Deutschland initiiert wurde, zeigt ebenfalls ein großes Interesse der Zuschauer:innen an diesen Themen. Über die Hälfte der Befragten gibt an, dass Extremwetter-Ereignisse ihre Wahrnehmung vom Klimawandel verändert haben. Das Publikum wünscht sich demnach mehr Präsenz von Klimawandel und Biodiversität im Hauptprogramm. Tatsächlich ist hier noch sehr viel Luft nach oben: der relative Anteil beim Thema Klimawandel liegt bei nur bei 1,8 % der Sendeminuten insgesamt, der Anteil von Biodiversität sogar nur bei 0,2%. Das Publikum wünscht sich laut der MaLisa-Studie nicht nur mehr Präsenz von Klimawandel und Biodiversität im Hauptprogramm, sondern auch klar definierte Sendeplätze für diese Themen.

Wie geht guter Klimajournalismus?

Guter Klimajournalismus beschränkt sich nicht auf individuelle Verhaltensänderungen, sondern behält das große Ganze im Blick, benennt mögliche Lösungen, aber auch Hürden und Probleme. Er fällt nicht auf Scheinlösungen, Greenwashing oder Methoden der Wissenschaftsleugnung herein, ordnet politische Entscheidungen für die Rezipient:innen ein und konfrontiert Politiker:innen mit den Folgen ihres Handels. Er mahnt, ohne in Katastrophismus zu verfallen, und macht Mut, ohne zu verharmlosen. Er ist nah an den Rezipient:innen und ihrer Lebenswelt und gibt die wissenschaftlichen Erkenntnisse verständlich wider. Diskussionen über die richtige Wortwahl, die richtigen Narrative können auch abschreckend wirken bzw. davon abhalten, sich aus anderen Ressorts als den einschlägigen heraus oder aus dem Lokaljournalismus überhaupt mit dem Thema zu beschäftigen. Letztlich ist aber die Frage, ob nun das Wort „Klimawandel“ oder „Klimakrise“ genau der oben genannten Gratwanderung zwischen Katastrophismus und Verharmlosung gerecht wird, nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass mehr über die genannten Zusammenhänge berichtet wird. Die Seite Klimafakten.de erklärt zentrale Begriffe im Themenbereich in ihrem umfangreichen Glossar, stellt den hartnäckigsten Mythen zum Thema die Fakten gegenüber und hat ein Handbuch zu Klimakommunikation veröffentlicht. Das Science Media Center bereitet aktuelle Studien zum Thema auf und holt zu deren Einordnung zitierfähige Statements von Expert:innen ein. Für regionale Stimmen zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels kann man sich bei den vielen Ortsgruppen von Health for Future oder bei den KlimaDocs melden.

Muss Klimajournalismus konstruktiv sein?

Konstruktiver Journalismus ist ein gutes Instrument: Ständige Katastrophenmeldungen entmutigen die Leser:innen, was zu Medienvermeidung führt. Allerdings ist ein konstruktiver Ansatz nicht bei jedem Thema möglich: Auch investigative Recherchen sind weiterhin ein hochwichtiger Bestandteil der journalistischen Arbeit.

Wie überzeuge ich meine Redaktion von Klimajournalismus?

In diesen Hinweisen stehen bereits die wichtigsten Gründe: Über das Klima zu berichten ist Teil der journalistischen Pflicht, Leser:innen interessieren sich für das Thema, andere Medien haben es bereits aufgegriffen, es bietet neue Chancen zur Monetarisierung. Wenn das die Chefredaktion noch nicht überzeugt, kann es helfen, innerhalb der Redaktion nach Mitstreiter:innen zu suchen.

Wie kann ich mich mit anderen Journalist:innen vernetzen?

Seit 2021 gibt es in Deutschland das Netzwerk Klimajournalismus, das unter anderem einen Slack-Kanal betreibt und bei regelmäßigen Zoom-Calls Klimajournalist:innen aus ganz Deutschland zusammenbringt. Auch das Recherchenetzwerk Correctiv hat seit einiger Zeit einen Klimaschwerpunkt und veröffentlicht regelmäßige Recherche-Rezepte, die von (Lokal-)Journalist:innen genutzt werden können. Um darauf zugreifen zu können, ist eine Registrierung notwendig, die allerdings kostenlos ist.